Die unterschätzte Stärke am Berg

Das Bergwandern liegt im Trend und ist besonders gut für Geist und Körper. Doch ist die Anzahl der Verletzten und Verunglückten in Österreich und Deutschland in den letzten Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen. Seien es die verlockenden Bilder und Tourentipps in den Sozialen-Medien oder die Sehnsucht auf isolierten Strecken zu wandern, die uns Menschen in die Berge locken: Vermehrt kommen Hobbysportlerinnen und Sportler an ihre Grenzen. Darunter leidet im Besonderen die eigene Psyche.

Prof. Dr. Katharina Hüfner
Die Wahlinnsbruckerin Katharina Hüfner liebt den Bergsport

Einen besseren Umgang mit Notlagen und mehr Aufklärung über psychische Erkrankungen fordert Alpinsportlerin und Professorin für Sportpsychiatrie
Prof. Dr. Katharina Hüfner der Uniklinik Innsbruck.

Psychische Notlagen am Berg oder in der weiten Natur können jedem von uns passieren. Was können wir im akuten Fall tun?

In jedem psychischen Ausnahmezustand, von Stressreaktion nach einem Unfall bis hin zu einer Panikattacke, ist es ratsam beruhigend auf den Betroffenen einzuwirken. Die Personen sollten nicht allein gelassen werden. Hilfreich können zum Beispiel gemeinsames, langsames Ein- und Ausatmen und die Konzentration auf das Hier und Jetzt sein. Wenn eine Person das erste Mal eine Panikattacke im Berg hat, ist es unmöglich diese von einem Herzinfarkt zu unterscheiden. Auch bei Symptomen wie Desorientierung und Bewusstlosigkeit, ebenso wie bei neurologischen Symptomen wie Doppelbilder oder Lähmungen sollte die Rettung alarmiert werden.

Kann auch die Gruppendynamik oder der Druck solche Notsituationen auslösen?

Grundsätzlich haben wir im Bergsport den positiven Aspekt, dass er in Gruppen ausgeführt wird. In Gruppen können wir uns gegenseitig unterstützen und austauschen. Dies macht den Menschen stärker und gesünder. Es können jedoch auch Gruppenphänomene auftreten, die Stress und Druck auslösen – beispielsweise bei organisierten Touren und unbekannten Mitmenschen und Bergführern. Da ist schon ein Stressfaktor, wenn eine Entscheidung getroffen wird, die nicht alle Personen der Gruppe mittragen. Hier ist besonders wichtig, eine offene Kommunikationskultur zu prägen. Da liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen, aber insbesondere bei den professionellen Führerinnen und Führern.

Die mentale Fitness wird im Leistungssport häufig thematisiert und trainiert. Ist es auch für Outdoorbegeisterte ratsam ähnlich wie bei der Leistungssteigerung mit einem mentalen Training zu beginnen?

Wenn wir uns auf größere Touren vorbereiten, trainieren die meisten Menschen direkt oder indirekt die Psyche. So können wir unsere Empfindlichkeit gegenüber Kälte körperlich und psychisch verschieben und uns an Kälte gewöhnen. Auch die Anpassung an Hypoxie, also Höhe, erfolgt auf körperlicher und psychischer Ebene. Bei extremen Bedingungen ist es zu empfehlen, ebenfalls in widrigen Bedingungen zu trainieren, um trotz der Bedingungen leistungsfähig zu bleiben.

Welchen Einfluss haben Praktiken wie Yoga oder Qi-Gong auf unsere mentale Fitness?

Durch Übungen im Rahmen von Yoga oder Qi-Gong können wir lernen uns selbst zu regulieren und zudem Stresssituationen besser entgegentreten. Durch regelmäßiges Praktizieren lassen sich die positiven Effekte auf eine Tour mitnehmen. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten: Beispielsweise ist es für manche Personen bei sehr isolierten Touren und langen Strecken hilfreich, sich Mantras vorzusagen oder die nächsten Schritte zu visualisieren. Wichtig ist, dass wir uns vorher mit der Praxis vertraut machen.

Manche Tourenanbieter vermerken mittlerweile, dass die Tour „psychisch herausfordernd“ sein kann? Wie stehen Sie zu solchen Angaben?

Grundsätzlich gibt es bei alpinen Touren zusätzliche Faktoren, die durchaus für uns Menschen unerwartet belastend sein können. So ist die Sicherheitslage in einem Nationalpark in Afrika eine andere als in den Alpen. Die sanitären Bedingungen vor Ort können uns ebenso belasten. Nicht zuletzt auch das Leid der Menschen, die dort unter besonders armen Umständen leben. Diese Stressfaktoren können sich addieren, sodass bei weiteren Faktoren unsere Psyche und unserer Körper stark reagieren können, wenn wir keinen Umgang mit den Herausforderungen finden können.

Auch Personen, die psychisch angeschlagen sind bspw. unter leichten Ängsten oder Burnout leiden, möchten in die Berge gehen und aktiv sein. Sollten sie sich besonders vorbereiten?

Alle Menschen können draußen aktiv sein und in die Berge gehen. Eine psychische Erkrankung ist da kein Hindernis. Es gibt viele positive Effekte – sei es das Gruppenerleben, die Bewegung oder das Erreichen von Zielen. Natürlich muss eine psychische Vorerkrankung genauso wie eine körperliche Vorerkrankung bei der Tourenplanung mitbedacht werden. Da spielt es eine Rolle, um welche psychische Erkrankung es sich handelt, ob eine Tour alpinistische Schwierigkeiten hat, in großer Höhe oder in entlegenen Gebieten stattfindet. Auch sollten Nebenwirkungen von Medikamenten beachtet werden. In unserer Gesellschaft liegt ein Missverständnis vor. Psychische Erkrankungen sind nicht gleichzustellen mit mentaler Schwäche. Es ist vielmehr umgekehrt. Personen mit psychischen Vorerkrankungen haben oft eine große mentale Stärke und schon viele Widerstände überwunden.

Wie können wir die Stigmatisierung von psychisch Erkrankten im Sport verhindern?

Besonders bei geführten Touren sind die gemeinsame Basis und Kommunikation der Schlüssel. Wenn Personen mit Asthma so angenommen werden wie sie sind, sollte es für Personen mit einer depressiven Erkrankung ebenso gelten. Hier sind alle Bergsteigerinnen und Bergsteiger, und besonders die Organisatoren der Touren gefragt.

Die Erkrankungen der Psyche sind sehr vielseitig. Gibt es dennoch Anzeichen, bei denen wir vorsichtig sein sollten?

Aufmerksam zu sein, ist immer gut. Wenn Menschen sich trotz aktiver Erkrankung nicht in einer Behandlung befinden, ist es nicht ratsam sie direkt auf eine große Tour mitzunehmen. Es geht immer um eine Abwägung von Benefit und Risiko. Krankheitsfaktoren und Tourcharakteristika müssen beleuchtet werden. Änderungen im Schlaf-Wach Rhythmus können für die psychische Gesundheit ungünstig sein. Am besten ist es, wenn Personen, die mit psychischen Erkrankungen leben, geplante Touren mit ihrem Behandler absprechen. Eine generelle Empfehlung abzugeben ist schwierig. Sport und vor allem Bergsport hat grundsätzlich viele positive Effekte auf die psychische Gesundheit.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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